Arzt

Ärztemangel … und der Tropfen auf den heißen Stein

Derzeit dreht sich ohnehin alles nur um das Corona Virus. Gott-sei-Dank. Denn so rücken andere noch so drückende Probleme in den Hintergrund. Wie z.B. der Ärztemangel.

Der nimmt mittlerweile groteske Züge an. Manche Gemeinden werben mit riesigen Plakaten um vorbeifahrende Ärzte, damit die sich an diesem Ort niederlassen (z.B. St Georgen).

Hat man einen Arzt gefunden, der eine Praxis übernehmen will, kommt die Bürokratie daher. Als Arzt darf man sich ja nicht einfach niederlassen – wo sind wir denn? Ärzte aus einem anderen Bundesland? Oder gar aus dem Ausland? Der Schwarzwälder Bote schreibt in mehreren Ausgaben (19.12.19 und 16.01.20) haarsträubende Geschichten: Bürokratie hat kein Verständnis für echte Probleme im Land.

Was sind die Fakten?

(Quelle: Kassenärztliche Vereinigung, April 2020 bzw. Schwarzwälder Bote 05.06.2020)

  • In Baden Württemberg fehlen derzeit über 600 Ärzte.
  • Rund 37% der vorhandenen sind älter als 60 Jahre. Der Altersdurchschnitt liegt bei 56,1 Jahren. In rund 10 Jahren ist also die Hälfte der heute aktiven Ärzte auch noch bim Ruhestand.
  • Die Ausbildung zu einem Arzt dauert aber ebenfalls rund 7-8 Jahre, danach Zusatzstudium zum Facharzt sowie Praktika, Assistenzarzt, usw. Nochmal ein paar Jahre obendrauf
  • Sogar beim Pflegepersonal gibt es Personallücken. Fast alle Kliniken reduzieren derzeit ihre Bettenkapazitäten, weil sie nicht genug Personal haben. Wer als Krankenschwester / -pfleger pfiffig ist, geht ohnehin in die Schweiz. Hier wird erheblich besser bezahlt (in etwa das Doppelte) und man kann auch über die Arbeitszeiten verhandeln.

Wie zum Hohn hat unsere grün/schwarze Landesregierung in Baden-Württemberg aber nun „Abhilfe“ beschlossen. Es werden endlich mehr Studienplätze geschaffen: ganze 30 mehr Studienplätze kommen hinzu, in den nächsten Jahren noch einmal 45 weitere. Wer sich verpflichtet, Hausarzt zu werden, kann auch um den Numerus Clausus herumkommen: als ob die Noten in Erdkunde oder Religion wichtig wären, um Arzt werden zu können.

Das alles ist wieder mal reine Symbolpolitik. Reine Alibifunktion. Es wird ein Tropfen auf den heißen Stein gegeben und werbewirksam wird darüber berichtet. Aktuell wirbt die KV damit, die „Organisation“ für rund 21.000 Ärzte und Therapeuten zu sein. Wem nützen also 30 oder gar 75 Ärzte in 10-15 Jahren, wenn bis dahin rund 10.000 in Rente gegangen sind? Glauben wir wirklich, dass wir den Rest aus Hessen oder Bayern „einfach beschaffen“ werden?

Wir Freien Wähler fordern schon lange

  1. Lockerung des Numerus Clausus für Praktische Ärzte / Hausärzte.
  2. Deutlich bessere Ausbildungsbedingungen wie mehr Praktikumsstellen sowie Studienplätze, 75 Plätze reichen bei weitem nicht aus.
  3. Bessere Verdienstmöglichkeiten der Haus- & Landärzte.
  4. Reduzierung des Einflusses der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Ärztekammern. Weniger Planwirtschaft.
  5. Steuerliche Vorteile für Landarztpraxen.
  6. Reduzierung des bürokratischen Aufwands in den Praxen, vereinfachte Verfahren.

Kein Arzt wird nur ein Pflaster auf eine schwärende Wunde kleben. Und die Politik sollte sich daran ein Beispiel nehmen: Probleme bitte zu lösen statt für den Nachfolger zu kaschieren.

Holger Krah